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„Partizipation ist Demokratieförderung“

„Partizipation braucht Zeit, Raum und Vertrauen“, weiß Erziehungswissenschaftlerin Judith Müller, die sich mit Partizipation in der Offenen Jugendarbeit beschäftigt. Kinder und Jugendliche sollen ihre Wünsche und Ideen offen einbringen können.

Die Erziehungswissenschaftlerin Judith Müller lehrt an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Sie ist auch ausgebildete Musikerin und hat bis 2018 das Jugendkulturzentrum „Statthaus Böcklerpark“ im Berliner Stadtteil Kreuzberg geleitet, bevor sie sich ganz der Lehre widmete. Ihr Schwerpunktthema und besonderes Anliegen ist Partizipation in der Offenen Jugendarbeit. Im Interview macht sie deutlich, wie die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen gelingt und was partizipative Prozesse von pädagogischen Fachkräften verlangen.

Frau Müller, „Partizipation“ hat Konjunktur, es scheint eine Art Zauberwort geworden zu sein – überall in der Gesellschaft ist sie gefragt, vor allem aber auch im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Was ist damit gemeint?

Judith Müller: Der Begriff kann auch mit Teilhabe übersetzt werden. Für Angebote in der kulturellen Bildung bedeutet das: Nicht allein die Meinung der Kinder und Jugendliche wird abgefragt und in den Angeboten berücksichtigt, sondern die Teilnehmenden werden in Planungs- und Entscheidungsprozesse mit einbezogen. Das gelingt auch bei jüngeren Kindern, in der Offenen Jugendarbeit würde ich sagen ab etwa sechs, sieben Jahren.

Können Sie ein Beispiel für die Mitbestimmung nennen? Vielleicht aus Ihrer Erfahrung im Jugendkulturhaus?

Judith Müller: Am Beispiel „Bandarbeit“ bedeutet das, dass ich das als offenes Angebot gestalte. Die Kinder oder Jugendlichen bestimmen selbst, wer zur Band gehört, welche Musik gespielt wird, wie geprobt werden soll oder wie und wo sie auftreten. Die eine Gruppe mag Rock-Musik, die andere will rappen oder die dritte will lieber „Drumbeats“ und digitale Tools wie Apps einsetzen. Es ist wichtig, den Kindern und Jugendlichen die Verantwortung für ihre Band zu übergeben und die eigene Rolle darin zu sehen, Impulse zu geben, Ideen einzubringen und Entscheidungsprozesse oder Konflikte zu moderieren, statt eigene Ideen und Interessen durchzusetzen. Die Jugendlichen sind viel motivierter dabei, wenn sie sich selbst organisieren und ihr Ding machen können.

Und sie nehmen sich als selbstwirksam wahr?

Judith Müller: Ja, wenn sie selbst die Verantwortung für ihre Gruppe haben und gemeinsam beispielsweise Entscheidungen fällen müssen, lernen sie im Team zu arbeiten und sich einzubringen. Sie probieren sich aus, ziehen Selbstbewusstsein daraus. Werden sie dazu ermuntert, wie wir es gemacht haben, eigene Songs zu schreiben, macht es sie stolz. Besonders für Kinder und Jugendliche, die von zu Hause wenig Ermunterung erfahren oder die im schulischen Umfeld wenig Erfolge erleben, ist das wichtig.

Partizipation heißt mutmaßlich aber mehr als einfach zu sagen, „macht ihr mal“. In welcher Weise ist pädagogische Begleitung gefragt?

Judith Müller: Wir Fachkräfte sind dazu da, zu moderieren, Impulse zu geben, neue kreative Räume zu eröffnen. Bleiben wir bei dem Band-Beispiel: Natürlich lernen die Jugendlichen Instrumente kennen, entwickeln ein Rhythmusgefühl oder vielleicht sogar ihre Stimmen weiter. Im Miteinander erwerben sie aber vor allem auch soziale Kompetenzen. Sie hören einander zu, akzeptieren andere Meinungen, einigen sich auf Kompromisse, lernen ihre Standpunkte zu verteidigen – wichtige Fähigkeiten für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, aber auch für das spätere Berufsleben. Partizipation ist Demokratieförderung.

Die Teilnehmenden an außerschulischen Angeboten, die durch „Kultur macht stark“ gefördert werden, sind meist heterogene Gruppen. Sie kommen aus unterschiedlichen Lebenswelten, haben unter Umständen kaum Erfahrung mit kulturellen Angeboten. Welche Voraussetzungen sind hilfreich, damit alle in Entscheidungsprozesse einbezogen werden?

Judith Müller: Zur Moderation gehört auch, dass die Anleitenden verantwortlich dafür sind, dass alle Beteiligten zu Wort kommen und gehört werden. Das kann auch bedeuten, Dominanteren Grenzen zu setzen und Schüchterne zu ermutigen. Und last but not least sensibel für Diskriminierungen zu sein und diese zu thematisieren.

Was verlangen die partizipativen Strukturen von den pädagogischen Fachkräften, die Workshops oder Ferienkurse begleiten? Wie gelingt die Begegnung auf Augenhöhe?

Judith Müller: Partizipation muss geübt werden und erfordert viel Mut – vonseiten der Fachkräfte genauso wie vonseiten der Teilnehmenden. Wenn Angebote zu Beginn zu offen sind, kann das verunsichernd auf die Kinder und Jugendlichen wirken und sie könnten sich zurückziehen. Wenn das Angebot zu festgelegt ist, kann Partizipation nicht geübt werden und das Angebot wird unattraktiv für die Teilnehmenden. Es ist ein Balanceakt, das richtige Maß an Offenheit und Anleitung zu finden. Da es ein Prozess ist, muss er ständig an die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Teilnehmenden angepasst werden. Die Aushandlungsprozesse in partizipativen Angeboten verlangen außerdem ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen.

Können Sie das erläutern?

Judith Müller: Kinder und Jugendliche lernen beispielsweise, ihre Bedürfnisse und Meinungen zu vertreten und wie man mit anderen Meinungen umgeht. Von den Pädagoginnen und Pädagogen verlangt wirkliche Partizipation, wie gesagt, das Abgegeben von Macht und Kontrolle. Sie müssen Freiheiten lassen und transparent arbeiten. Das heißt, sie müssen auch sich selbst und ihr Handeln immer wieder reflektieren. Darüber hinaus ist es wichtig, den Teilnehmenden zu kommunizieren, in welchem Rahmen Partizipation stattfindet und wo die Grenzen sind. Partizipation braucht Zeit, Raum und Vertrauen!